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Von Noten und Liebe – Die Geschichte von Mia

Mia sitzt mit schweißnassen Händen in ihrer Bank. Ein Kind nach dem anderen holt sich sein Zeugnis ab. Manche mit einem Lächeln im Gesicht, manche gleichgültig, ohne Emotionen, andere beschämt oder enttäuscht. Mia möchte diesen Moment ganz schnell hinter sich bringen. Sie möchte ihrer Lehrerin nicht in die Augen blicken müssen, sie möchte auch nicht den enttäuschten Gesichtsausdruck ihrer Lehrerin aushalten müssen. Sie möchte dieses Blatt Papier einfach nur schnell in ihrer Schultasche verschwinden lassen und darauf hoffen, dass er sich in Luft auflöst und zu Hause nicht mehr auffindbar ist. „Mia Maier“, tönt es durch das Klassenzimmer. Sie springt hinter ihrer Bank auf, huscht nach vorne mit starrem Blick auf den Boden. Mit dem Wisch in der Hand setzt sie sich schnell wieder hin. Mit trübem Blick überfliegen ihre Augen die Noten. Ihre Noten sind mittelmäßig bis schlecht. Zahlen, eine Anreihung von Zahlen. Keine sagt wirklich etwas darüber aus, was das letzte Jahr für Herausforderungen für sie bereit gehalten hat. Keine erzählt ihre Geschichte oder sieht ihre vielen kleinen und größeren Lernerfolge. Keine dieser Ziffern beschreibt auch nur annähernd, wie anstrengend es zu Hause war, wie viel Streit und Traurigkeit das letzte Jahr mitsichbrachte. Keine erzählt von ihrer Prüfungsangst, ihren vielen Krankheitstagen oder ihren ständigen Sorgen um ihre Eltern. Keine berichtet darüber, wie sehr sie sich bemüht hat, sich auf die Prüfungen vorzubereiten. Ihre schlaflosen Nächte, ihre fehlende Kraft und Unterstützung tauchen auf diesem Zettel nicht auf. Wortlos packt sie ihre Sachen zusammen und macht sich auf den Weg nach Hause…

Szenen wie diese werden in den kommenden Wochen oft auftreten. Wie können wir als Eltern, Lehrpersonen, Großeltern oder sonst nahe stehende Menschen diese Kinder auffangen?

So lange wir Noten haben, können wir nicht vom chancenreichsten Lebensraum für unsere Kinder sprechen.

Das ist leider die Realität. Wir haben sie nun mal, daran können wir heute nichts ändern (aber ich hoffe morgen!) Es ist unglaublich schwer bis kaum möglich, die Fähigkeiten, das Potenzial, das Wissen, die Arbeitshaltung, die Mitarbeit, die Anstrengung, die individuellen Herausforderungen in eine Note zu packen. Das weiß ich nur zu gut. Aber wir können den Noten ihre Mächtigkeit nehmen.

Wir können mit unseren Kindern über diese Ziffern reden. Wir können ihnen jeder Zeit sagen, dass ihr persönlicher Wert in keinster Weise mit diesem Zeugnis zusammenhängt.

Wir können ihnen sagen, dass jeder unterschiedlich lernt. Manche können schon ganz früh schwimmen, andere interessiert es vielleicht noch nicht, die lernen das dann ein Jahr später.

Eine Note ist, als ob man alle Kinder am 29.06.2022, um 10:39 Uhr ins Wasser wirft, um zu schauen, wer schon schwimmen kann und wer nicht. Wer schwimmen kann – Note eins, wer untergeht – Note fünf. Schaut man ein Jahr später, können vielleicht schon alle Schwimmen und alle würden eine Eins bekommen.

Noten sind eine Erfindung des Systems, werden kaum hinterfragt und sind fast nie gerecht.

Bleiben wir mit unseren Kindern in Kontakt, reden wir mit ihnen darüber, nehmen wir den Noten ihre Macht, zeigen wir ihnen, dass sie unendlich wertvoll sind und eine ganze Menge an Fähigkeiten haben, die die Zeugnisnoten übersehen haben.

2 thoughts on “Von Noten und Liebe – Die Geschichte von Mia

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